16
Mai 2020
Livestream

Livestream in meiner Heimatstadt Wismar zu Zeiten von Corona

Man ist das lange her, dass ich mein Musikequipment in meinen VW-Bus geschmissen habe, um irgendwo einen Auftritt für Euch zu spielen. Nur diesmal war es anders: Denn dort, wo ich spielte, war niemand von Euch. Nein, das Einzige, was mich anlächelte, waren 3 Kameras und zwei Schweinwerfer.

 

Es ist komisch und anders, dazustehen und ein Konzert für Kameras zu spielen, denn diese klatschen weder, noch geben sie irgendeine Reaktion von sich. Der Timer läuft. 5, 4, 3, 2, 1, Showtime.
Ich stehe dort und schaue in eine dunkle Linse, genauso freudig wie fasziniert von den technischen Vorgängen, die einen Livestream möglich machen, von denen ich übrigens keine Ahnung habe. Wir sind bereit zu starten. Die Drohne überträgt Livebilder der Dächer der Hansestadt in die Wohnzimmer, die sich zum Großteil unter eben diesen Dächern befinden.
Es funktioniert alles. Der Ton klar, das Bild flüssig, meine Bühne steht. 

Ich kann loslegen und habe einen riesen Spaß, wieder meine Gitarre in den Händen zu halten und für mein Publikum im Wohnzimmer zu spielen. Während ich auf der Bühne stehe, stelle ich mir vor, wie es in den verschiedenen Haushalten der Zuschauer aussieht: Haben es sich die Menschen – vielleicht bei einem Getränk – gemütlich gemacht? Genießen die einen noch einen Late-Evening-Snack und haben meinen Livestream nebenbei laufen? Verschiedenste Szenarien durchqueren meinen Kopf.
Es ist wirklich schön, wieder zu spielen und unterschwellig merke ich, wie mich eine Welle Leidenschaft packt. Ist es Leidenschaft oder eher Sucht? Beides?

Während ich einige meiner neueren Songs wie „Zerrissene Jeans & Bandana im Haar“ und „One-Way-Flug“ spiele, genieße ich einen Ausblick, der mich stolz macht: Rob und seine Kollegen (HSP-Events) sitzen hinter den Bildschirmen und Kameras und regeln die Bildübertragung, die Übergänge der Kameras und den Flug der Drohne, während ich weiß, dass Fabi draußen sitzt und meinen Ton mischt. Ja, ich habe es nun schon ein paar mal erlebt und einige könnten denken, ich hätte mich daran gewöhnt. Aber nein, dieses Gefühl, sich als Team gut zu verstehen, tolle Dinge auf die Beine zu stellen und zu wissen, dass alle Bock drauf haben, ist wundervoll und lässt mich von einer bunten Zukunft träumen.


Frage: Warum sitzt Fabi draußen?

Gute Frage. Denn dieser scheinbar reibungslose Livestream startete alles andere als reibungslos.

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Die Uhr schlägt 13:42 Uhr, ich bin zu spät. Daran möchte ich arbeiten. Fabi, Inhaber von „Cube Entertainment“ und ehemaliger Sitznachbar des Geschichtsunterrichts der 11. Klasse, wartet bereits auf dem Forum des Marienkirchturms, der eigentlich geplanten Veranstaltungslocation. Wir bauen auf. Sicherheithalber erstmal die Pavillons, vielleicht regnet es.
Es regnet. In den Regenpausen bauen wir weiter und sind verdammt gut in der Zeit. Rob kommt mit seinen Jungs und baut die Kameratechnik auf. Man, sieht das hier professionell aus! So fühle ich mich wohl – kein Wunder.

 

18:55 Uhr – Finaler Soundcheck

Ein guter Soundcheck ist nicht nur für das Bühnengefühl des Musikers sehr wichtig, sondern auch, wenn der erste Livestream soundtechnisch in die Hose ging. Ich schaue nach links – Jacqueline von der Stadt kommt vorbei und schaut mich sorgenvoll an: „Ich habe schlechte Neuigkeiten.“ Was soll schon sein, denke ich. „Der Livestream kann nicht stattfinden – der Bürgermeister ist wohl vorhin vorbeigegangen und meint, dass das Corona- Ansteckungsrisiko bei ÖXL zu hoch ist, da zu viele Menschen kommen könnten.“ Habe selten ein schönes Kompliment und eine sche*ß Nachricht in einem Satz gehört. Krisensitzung. Innerhalb weniger Minuten heißt es, eine Lösung zu finden. In einer verbleibenden Stunde ab- und wieder aufbauen, was wir in 6 Stunden aufgebaut haben? Keine Chance. Aber Fabi wäre nicht Fabi, wenn er nicht technisch für jegliche Art von Notfall ausgestattet wäre. Kurzer Hand ziehen die Kameras und meine Instrumente in das Kircheninnere um. Fabi bleibt, wo er ist, legt ein 100m langes Kabel in die Kirche und genießt die Mai-Kälte.

Am Tag 4 des Crowdfundings sind bereits 6762€ zusammengekommen. Unglaublich!

Von hier aus mischt Fabi den Ton für den Livestream hinter den dicken Backsteinwänden des Kirchturms

Die Zeiger ticken schnell – zu schnell. Aber jetzt wisst ihr, warum der Stream eine halbe Stunde nach hinten verlegt wurde… 

Noch wenige Minuten. Jetzt aber wirklich der finale Soundcheck. Doch dann: Ich glaube nicht, was ich dort sehe. Wegen der Temperaturschwankungen und der Feuchtigkeit, die mein Loop-Pedal während der Umzugsarbeiten im Nieselregen abbekommen hat, funktioniert es nicht einwandfrei – 5 Minuten vor dem Start des Streams! Kann nicht wahr sein. Selbst ist der Mann:

Nach kurzer Schrauber-Arbeit funktioniert wieder alles einwandfrei und ein erfolgreicher Livestream kann starten.

Ihr seht: Es passieren viele Dinge hinter der Kamera, von denen der Zuschauer nichts mitbekommt. Aber genau das ist, warum ich dieses Tagebuch hier auf meiner Website schreibe: Einerseits, um Euch diese Einblicke zu geben, die Ihr sonst nirgends bekämt und andererseits, um mir später diese Einträge durchzulesen und mit einem Schmunzeln auf diese tollen Erlebnisse und Zeiten zurückblicken kann.

Vielen Dank an alle, die eingeschaltet haben. 

Es hat mir sehr, sehr viel Spaß gemacht und ich freue mich jetzt schon riesig auf all das, was da kommt! 

Bis bald,

ÖXL

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